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Betamensch

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16. September 2018

Betamensch

Das Konzept der Schnapsidee ist verführerisch. Beflügelt von einem durchzechten Abend schießen einem oft Dinge in den Kopf, die sich im Nachgang als wenig praktikabel, aber in der Theorie umso spannender erweisen. Bei BETAMENSCH aus Nürnberg trägt eine solche Schnapsidee jetzt endlich Früchte, auch wenn es letztlich ein langer Weg war. Von der ersten Idee von Sänger und Gitarrist Miguel Mayorga und Bassist Nick Andrade, nach eher poppigeren musikalischen Projekten endlich mal wieder eine plattitüdenfreie Rockband ohne Schnickschnack an den Start zu bringen bis zum Release der ersten selbstbetitelten EP im Februar 2018 via Downbeat und Believe vergehen ziemlich genau vier Jahre – Zeit, die die beiden und Schlagzeuger Johannes Pressl allerdings optimal nutzen.

Schon seit ihren ersten Proben im Februar 2014 arbeiten Mayorga, Andrade und Gründungsschlagzeuger Julian Lorson konstant an ihrem Output. „Wir hatten schon eine EP aufgenommen und waren damit bei einem Majorlabel im Gespräch“, erklärt Mayorga. „Das war uns aber noch nicht griffig und eigenständig genug. Und wenn du ewig an einem Song herum feilen musst, ist er vielleicht im Endeffekt auch nicht wirklich gut.“ Diese Erkenntnis resultiert in einem bandinternen Neustart. Alte Songs werden komplett verworfen, ein Jahr lang neue Ideen ausgearbeitet –diesmal ohne allzu verkopft an die Sache heranzugehen. Erprobt werden die Songs auf ersten Shows und kleinen Touren, die die Band von ihrer Heimatstadt Nürnberg über die Autobahnen Deutschlands hin zu so renommierten Szene-Festivals wie dem Green Juice in Bonn führen – inklusive eines brandneuen Miet-Wohnmobils als Fortbewegungsmittel der Wahl. Am Ende der Findungsphase stehen nicht nur die ersten Live-Erfahrungen in dieser Dreier-Konstellation, sondern auch Pressl als neuer Schlagzeuger und ein Studioaufenthalt bei Kurt Ebelhäuser (Long Distance Calling, Pascow, Adam Angst) im Dezember 2016. „Es hat gut getan, Kurt kennenzulernen“, erklärt Andrade. „Er wirkt oft ein bisschen väterlich, hat uns aber auch gezeigt, dass wir hinter dem stehen können was wir machen und nicht an jeder Kleinigkeit Schrauben nachziehen müssen, wenn wir etwas wirklich geil finden.“ Das Destillat aus elf Tagen Arbeit: fünf Songs im rohen, urwüchsigen Soundgewand, die zwischen Leichtfüßigkeit, Alltagstristesse und Selbstfindung pendeln.

Musikalisch verleiht das Trio diesen Grundpfeilern auf bewährte Art und Weise Ausdruck: Gitarre, Bass, Schlagzeug, keine Schnörkel, kein unnötiger Ballast, kein Overdub-Wirrwarr. Dieser Fokus auf das Urwüchsige wird schon in „Ein Blick“, der ersten Single des Trios, klar. Mit Textzeilen wie „Keine Zeit, 24/7 stehe ich bereit/ Im grellen Schein, angeschlossen und vernetzt und so allein“ thematisieren Betamensch im nach vorne pulsierenden Track die Generation Instagram und den Strudel aus Geltungssucht. Mayorgas vibratoreicher Gesang, der gegen Ende des Songs immer kratziger und widerborstiger wird, und der treibende Soundteppich, mit dem Andrade und Pressl dicht gestrickte, angenehm an den Alternative der 00er Jahre erinnernden Gitarren unterfüttern, zeigen das Trio von seiner angrifflustigsten Seite. Auch das dazugehörige Musikvideo spielt mit dem schönen Schein, indem es Mayorga erst alleine vor eine kalt-bläulichen LED-Wand platziert, bevor die Perspektive zur Bandperformance schwenkt und die Kulisse zum druckvollen Refrain in bedrohliche Rottöne taucht. „Surreal“ hingegen, einer der ältesten Songs der Bandgeschichte, stemmt sich dem gesellschaftlichen Leistungsdruck mit groovigem Shuffle-Schlagzeug und muskulösen Riffs zwischen Indie- und Alternative Rock entgegen. „Unsere EP hat zwar kein Oberthema, behandelt aber schon Dinge, die uns persönlich bewegen“, sagt Pressl über die Motivation hinter den Songs. „‚Splitter‘ beispielsweise handelt einem versuchten Suizid im engeren Kreis der Band. Es ging uns einfach darum, nichts zu forcieren, sondern aus unserer Lebenswelt zu berichten.“ Diese Aufgabe nehmen Betamensch auf ihrer ersten EP erfolgreich in Angriff. Mit einem großen Herz für Melodien, einem feinen Gespür dafür, wie viel Pop Rock vertragen kann, einem Händchen für den Balanceakt zwischen Zugänglichkeit und Eigenständigkeit – und dem Anspruch, einfach nur ungeschönt die Musik zu machen, hinter der sie als Band geschlossen stehen können. Trotz der mulmigen Grundstimmung auf ihrem Debüt: Die Zukunft für BETAMENSCH sieht nicht nur durch geleerte Schnapsgläser rosig aus.

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