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Schubsen - Sprachfetzen

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    Schubsen - Sprachfetzen

26. Februar 2021

Schubsen - Sprachfetzen

»Sprachfetzen«
VÖ: 26.02.2021
Label: Eigenvertrieb


Nach den Alben „Neue Blessuren“ und „Stühle rücken in Formationen“ veröffentlichen schubsen am 26. Februar die EP „Sprachfetzen“ – ein Werk, das sich konzeptuell ganz dem Thema Sprache und Macht widmet. schubsen sind sich dabei treu geblieben, musikalisch wie auch sprachlich. In gewohnt abstrakten und offenen Texten spielen die Nürnberger Post-Punker rund um Sänger und Schreiberling Krupski wieder mit verschiedenen Deutungswegen. Was man aber so oder so raushört: „Sprachfetzen“ ist mindestens genauso gesellschaftlich und politisch wie die beiden Vorgänger-Releases und damit brandaktuell.

Wie sonst soll man den ersten Song der EP, Auftakt des steten Endes, verstehen? Unweigerlich fragt man sich als Hörer:in – wie dystopisch darf und muss diese Frage gedacht werden? Welches Ende besingt Krupski eigentlich? Wird das Ende einer funktionierenden Gesellschaft, das Ende des sozialen Miteinanders, das Ende der gesellschaftlichen (N)Etiquette prophezeit und deklariert? Und kann ein Ende überhaupt „stet“ und andauernd sein? Bei all den Fragen, die der Auftakt der EP aufwirft, kann eine Frage aber beantwortet werden: das Ende der Band schubsen bedeutet es sicher nicht. Zu dringend sind die Inhalte, zu eingängig die Melodien.

So werden in dem zweiten Song Marode Silben in gewohnter schubsen-Manier Silben verschluckt und Wörter undeutlich ausgesprochen, aber das verleiht dem durchdringenden Inhalt nur noch mehr Authentizität und Nachdruck. Denn wie heißt es in dem Song: „Sprache schafft Realität.“

Und wie sie das tut! So losgelöst kommt dieser Satz eigentlich als recht trocken-rationale Erkenntnis daher. Und doch schaffen schubsen es, diese Tatsache in einen sehr emotionalen Themenkomplex einzubetten. Die Sprache, die schubsen dabei wählen, ist keine glattgebügelte und hochpolierte. Sie ist vielmehr eine musikalische Momentaufnahme beobachteter Situationen, Reaktionen und Emotionen – im Großen wie im Kleinen. Grundlegend ist Sprache noch viel mehr als das gesprochene Wort, sie definiert sich eben auch durch das Nichtgesagte und Nichtgetane, wie der nächste Song Der Akzeptanz verdeutlicht: „Was du im Wegsehen alles zeigt und im Schweigen alles sagst, wie du dich im Nichtstun befreist, begreifst.“

Nach dieser vergleichsweise noch recht ruhigen Tatsachenbeschreibung von Sänger Krupksi zu Beginn des Songs unterstützen ihn nun auch die restlichen Bandmitglieder bei seiner Anklage mit eindringlicher Gitarre, Bass und Schlagzeug. Schließlich setzt Krupski zum gar mantraartigen Flüstern und das gesamte schubsen-Quartett zum finalen Drohtanz an. Was danach übrig bleibt: ein erschöpftes Ausklingen des Songs, das kurz Luft holen lässt für das, was folgt.

Eine kontrastierend fröhliche und beschwingte Atmosphäre verbreitet anschließend Aroma. Zweifelsohne kann Aroma als der Song mit dem größten Pophit-Potenzial auf der EP durchgehen, so ironisch ausgelassen und melodisch klingt Krupski hier. Doch auch dieser Song kommt nicht ohne das „schale Alles und saure Nichts“ auf der Zunge aus und deutet somit an, dass diese fröhliche Sequenz nur eine kurze (Verschnauf-)Pause ist. Eine eindringliche Gesprächseinladung folgt prompt: „wir müssen reden, jetzt sofort“ über etwas, das schon längst Kein kleiner Jux mehr ist. Nicht nur aus diesen Zeilen könnte man alle aktuellen gesellschaftlichen wie auch politischen Geschehnisse und Grenzüberschreitungen heraushören – sei es Trump, Verschwörungsfanatismus, Coronaleugnung, Impfgegnertum oder Rassismus. Was auch immer man hinter diesen Zeilen vermuten mag, falsch liegen kann man damit nie. So abstrakt und deutungsoffen und dadurch zeitlos sind die Texte von schubsen.

Die eigentliche Perle der EP ist zugleich eine Zwingende Aussicht. Auch hier spielen schubsen mit den Deutungsmöglichkeiten. Der eine mag dahinter einen hoffnungsvollen Ausblick auf bessere und gemeinschaftlichere Zeiten erkennen, die andere eine Aussicht auf neue Negativ-Superlativen und kommende Grenzüberschreitungen unter dem Deckmantel von Tugenden und Tradition.

„Schikanieren, dann applaudieren. Du wirfst keine Steine, du gehst durch Scheiben.“

Nach den sechs Songs und knapp 20 Minuten Spieldauer ist man nicht unbedingt schlauer, aber man wird vielleicht wieder daran erinnert, dass es in der Gesellschaft Dinge gibt, die (sprachlich) stet miteinander ausgehandelt werden müssen.

Schubsen beweisen erneut, dass es immer wieder Themen und Inhalte gibt, die eine Dringlichkeit haben, die raus müssen. Dabei zeigen sie, wie Sprache und Musik als Machtinstrumente wirken können und begeben sich auf einen gekonnten Drahtseilakt zwischen kryptischer Wortmalerei und einem direkten Auf-den-Punkt-kommen.

Quelle: http://hdiyl.de/schubsen-sprachfetzen-review

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