MUZ Kolumne: Musik als Industrie?
Musik als Industrie? Du magst Musik? Wow, ich auch. Ich liebe Musik. Jeder mag Musik. Jeder auf seine Weise. Jeder natürlich anders. Aber das allein reicht natürlich nicht. Man will sich ja von der breiten konsumierenden Masse abheben. Von dieser Gruppe Menschen die sich einbilden etwas von Musik zu verstehen nur weil sie zufällig mal über ein Plattenreview gestolpert sind. Pah! In Wahrheit geht es um den Ritterschlag, die Anerkennung ein richtiger Kenner zu sein. Und dieser Titel fliegt einem selbstverständlich nicht zu. Nicht ohne Aufwand. Nicht ohne den selbstlosen Einsatz von Zeit. Und schon gar nicht von selbst. Es geht hier um harte Arbeit. Denn ob man es auch wirklich ernst meint mit der Musikleidenschaft wird an dem freigiebigen extrem zeitintensiven Einsatz gemessen, den man aufwendet sich fundiert und schlagfertig auf jede nur erdenkliche Diskussion über Musik vorzubreiten. Unzählige Konzerte wollen besucht, alle aktuellen Musikmagazine gelesen und natürlich die Platten der heißesten Neuerscheinung wieder und wieder gehört werden. Doch mittlerweile reicht nicht einmal mehr das. Erst vor kurzem bin ich mehrere Male auf das Thema „Musikindustrie“ angesprochen worden. „Musikindustrie“? Wieso gerade die „Musikindustrie“? Hierbei eröffnen sich Sphären die eigentlich weit weg von der Musik selbst erörtert werden müssen.
Doch spätestens seitdem das letzte Album der Band „Radiohead“ als eine Eigenveröffentlichung erschienen ist, muss also jeder Fachmann, der etwas auf sich hält hierzu eine Meinung parat haben. Es ist zwingend geworden sich gegenüber der „Musikindustrie“ dialektisch in Stellung zu bringen. Doch Vorsicht! Eine eindeutige Positionierung hat tiefreichende Folgen. Man dringt zu einem Thema vor, bei dem sich in jeder Gesprächsrunde sofort zwei Lager bilden. Und schon hat der unerbittliche Schlagabtausch begonnen: Eben noch entspannte Tischgenossen werden zu erbittert diskutierenden und unversöhnlichen Gegnern umgepolt. Ein einfacher Meinungsaustausch ist hier nicht möglich - der ruhige Abend hat spätestens hier sein jähes Ende gefunden. Der oft zitierte Begriff sowie die oft im Fokus öffentlicher Kritik stehende Institution „Musikindustrie“, könnte polarisierender also nicht sein. Entlang der zugehörigen Argumentationslinien verlaufen unüberwindliche Gräben, welche die Musiklandschaft in zwei unversöhnliche Lager teilen. Wieso ist das so?
Mit diesem Thema haben sich schon viele befasst. Klar braucht es zu einem gewissen Grad institutionelle Hilfen für Musiker, die eine Finanzierung der Kunst rechtfertigen und ermöglichen. Doch was bringt es schon diese Diskussion so anzugehen? Die wahre Frage ist doch: Liegt es vielleicht an der Begrifflichkeit selbst? Verleitet hier nicht schon allein die Wortbedeutung als solche zu einer verfehlten Interpretation dessen, was hier eigentlich beschrieben werden soll? Wie lassen sich „Musik“ und „Industrie“, zwei Pole, die sich stärker nicht abstoßen könnten überhaupt in einem Wort zusammen denken? Auf der einen Seite haben wir die „Industrie“: Die massenhafte, gleichgeschaltete Produktion eines immer wieder identischen Produktes, dessen Anspruch nur an der Oberfläche, nicht aber im Gehalt liegt. Auf der anderen Seite steht die „Musik“ als Emotion, als mit persönlichem Gehalt gefüllter Ausdruck von Menschen und Transporter von Gefühlen. Kunst um ihrer selbst Willen, die sich vielleicht immer wieder neu erfinden möchte, sobald sie den Eindruck erweckt nur einem Mainstream genüge zu tun. Hier stehen sich Objektivität und Subjektivität gegenüber – Dinge, die sich jedem erschließbar voneinander abgrenzen lassen. Und diese beiden Pole sind nun in dem Wort „Musikindustrie“ vereint – ja so scheint es – unwillentlich aneinander gebunden worden. Da hatte der alte Goethe schon recht: „Was könnte da zum Unheil sich vereinen, Zur Finsternis, wo solche Sterne scheinen?“. So gesehen kann nur radikale Polarisierung die Folge sein. Wäre man doch bei der Genese dieses Wortes dabei gewesen. Hätte man doch zurufen können: „Haltet ein! Haltet ein! Ihr wisst nicht welches Unheil ihr damit anrichtet!“ Wie viele Freundschaften hätten gehalten, wie viele Bands würden heute noch existieren oder hätten sich vielleicht noch gegründet wenn sie nicht an der Gretchenfrage der Musik hätten scheitern müssen: „Braucht man eigentlich eine Musikindustrie?
Wolfram Fuchsbaum
