The Robocop Kraus, die Säulenheiligen der funky Selbstreflektion, Sargtischler des Neo Postpunks und vom Musikexpress zertifizierte Stilikonen haben ihre neue Platte aufgenommen und beantworten damit die ewige Diskussion darüber, ob sie nun die am meisten über- oder unterbewertete Band Deutschlands sind, mit einem klaren: „Wahrscheinlich schon!“
Dezember 2006 – Germany – Robocop Kraus Headquarter: Mit Löchern in den Taschen und dem unbändigen Willen ausgestattet, an den Intro-Lesercharts vorbei in die Annalen der Rockgeschichte einzugehen, beschließen die Nürnberger ein neues Album aufzunehmen. Am nächsten Tag verlässt Bassist Tobias Helmlinger die Band, um sein Heil in München zu suchen. Ein Gefühl für’s Timing hatten die Robos schon immer.
Um ihn nicht zu verschrecken, erzählen sie dem „hanseatischen Phil Spector“ Tobias Levin (Tocotronic, Kante) erstmal nichts von diesen Details. Schließlich soll der ja auch davon überzeugt werden, dass er ihre neue Platte aufnimmt und irgendwann irgendwer auch „wirklich“ die Studiokosten bezahlen wird. Im Februar 2007 ist es dann soweit und es geht für die Aufnahmen nach Hamburg, mit dabei ein neuer Mann namens Peter Tiedeken, der sich beim Bassisten Casting gegen Evil Jared durchgesetzt hatte.
Eins ist klar: die Aufnahmen der neuen Songs sollen ganz anders ablaufen als bei der letzten Platte. Verspielt und ausufernd soll es sein, bunt und psychedelisch. Und so wird in Hamburg das Konzept der Liveaufnahme forciert. Weg vom über-präzisen Klang von „They Think They Are The Robocop Kraus“, hin zu einer offeneren und lebendigeren Klangästhetik. Tagelang werden Amps hin- und hergeschoben, das Schlagzeug wird in allen möglichen Ecken des Aufnahmeraums auf- und wieder abgebaut und die Mikrofonpositionen werden verändert, bis endlich der perfekte Raumklang auf einem Paar Stereomikrophonen wiedergegeben wird. Das Konzept der Aufnahme sieht vor, die gesamte Band gleichzeitig in einem Raum zusammen spielend aufzuzeichnen und zwar ohne Kopfhörer und sonstigem neumodischen Kram.
Die neuen Stücke, entstanden in Nürnberg und in den Räumen von Station 17 in Hamburg, werden nun mit verschiedenen Instrumentierungen durchgespielt. Markus Steckert opfert mehrere Casio Kinderkeyboards, Matthias Wendl übt Banjo bis die Finger bluten, Hans Fuss bekommt ein Conga Solo, Bass und Schlagzeug rotieren, Echoschleifen werden direkt auf Band aufgenommen – es gibt kein Zurück mehr. Unverhoffte Unterstützung bekommen sie von KundeKönig (Schwester Rockband von Station 17 ), die einige Chöre und eine leicht verbeatlete Gesangsimprovisation („Waiting Above The Ocean“) beisteuern.
Am Ende haben The Robocop Kraus 13 kugelbunte Songs aufgenommen, mit denen es nach Studio City, Los Angeles geht, wo sich Adam Lasus (Clap Your Hands Say Yeah, Yo La Tengo, Helium) um den finalen Mixdown kümmern soll. Adam merkt gleich, wo der Hase im Pfeffer liegt: „It sounds good. But it sounds too good!“ und steuert mit seiner Sammlung an Distortion und Delay Effekten gegen. Statt den Popappeal der Songs Richtung Radiokompatibilität auszuformulieren konzentriert sich Adam auf die charmanten Ungereimtheiten, die größenwahnsinnigen Kleinigkeiten, welche die Songs zum Spannendsten machen, was die Band je aufgenommen hat. Währenddessen erholen sich die Herren Lang und Wendl am Swimmingpool (Abb. 1) und planen die Aufnahmen am Ende auf Ferrum Audiokassetten zu überspielen, um es mehr nach homerecording à la Ariel Pink klingen zu lassen.
Und wie hört sich das an? Während sich eine ganze Garde deutscher und französischer Bands Mühe gibt, so zu klingen wie The Robocop Kraus zu „Living With Other People“-Zeiten, ist die Band einen großen Schritt weitergegangen. „Blunders and Mistakes“ markiert einen Neuanfang: es gibt einen neuen Mann am Bass und es gibt einen neuen Sound. Die Band experimentiert wieder, verschiebt die musikalischen Grenzen des Bandkosmos und positioniert sich gleichzeitig selbst – weiter außen. Alles, was wir jemals an The Robocop Kraus toll fanden, ist wieder da, die Hymnen, die Melodien, die Emotionen, aber es gibt auch eine neue Seite zu entdecken, eine neue Atmosphäre, eine Liebe zu musikalischen Details, die so noch nie von ihnen zu hören waren.
Fetzen von verblassenden Kindheitserinnerungen, die sich in den Canyons des Großhirn ansammeln, paaren sich mit Pavementschen Melodien („Snake“) - Krisenherde auf der Landkarte des Dauer-Adoleszenz werden in Thomas Langs Texten rot umkreist („Standing in the Punchline“) oder mit Eimern von Hohn und Spott überschüttet („Hyenas“) und Versuche über die Liebe kommen als Discohits aus der Hölle der Musik daher („Automotive Man“, „Chances“). „Minions of Satan“ ist so etwas wie ein offener Brief an einen Verwandten in den Klauen der organisierten Religion und „Gibraltar“ ist der erste offizielle Protestsong der Band, der praktisch ohne Gitarre, dafür aber mit mouth percussion auskommt. Mit „Ease The Pain“ glückt ihnen dann auch noch die ungewöhnlichste Ballade seit „Purple Rain“ und damit schließt ein Album ab, das viele Fragen und Münder offen lässt. Aber eins ziemlich klarstellt: Der Zeitgeist, der sie für einen kurzen Moment der Verirrung umklammert hielt, hat sie wieder losgelassen. Nun kann es endlich losgehen!
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